Gastbeitrag von Vorstand Jochen Fritz im Tagesspiegel

Am Samstag erschien im Tagesspiegel ein Gastbeitrag unseres Vorstands Jochen Fritz für die Reihe "75 Visionen für Berlin – Folge 27: Warum wir unser Essen von regionalen Bauern beziehen sollten." Sehr lesenswert – nicht nur für Berliner*innen und Brandenburger*innen! 

 

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Oder Ihr lest ihn hier – ganz ohne Werbung:

Wie Lebensmittelproduktion vom Land allen hilft? Indem regionale Verbreitungsorte wieder aufgebaut werden. Ein Gastbeitrag. Von Jochen Fritz.

Jochen Fritz, Jahrgang 1974, ist Diplom-Ingenieur für Agrarwissenschaften und betreibt nebenberuflich einen Bio-Bauernhof. Bis September 2018 leitete er die Kampagne „Meine Landwirtschaft“ und organisierte die „Wir haben die Agrarindustrie satt“-Demonstrationen.

Unsere Ernährungsweise verursacht 40 Prozent des globalen Klimawandels. Das muss sich ändern, und zwar schnell! Wir brauchen eine radikale Ernährungs- und Agrarwende.

Dabei muss Berlin als eine der Trendmetropolen in der Welt eine Vorreiterrolle einnehmen. Und zwar mit einer radikalen Re-Lokalisierung unserer Lebensmittelversorgung.

Eigentlich sollte es uns doch allen sonnenklar sein: So, wie wir uns aktuell ernähren, können wir nicht weitermachen. Fetthaltiges „Junk-Food“ oder 1,5 Liter Cola-Flaschen mit billigem Zucker für 30 Cent aus dem Supermarkt gefährden die Gesundheit unserer Kinder. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt: Übergewicht und Fettleibigkeit haben das Ausmaß einer Epidemie erreicht.

Außerdem begünstigt das tägliche Stück Schweinefleisch für 2,50 Euro in der Kühltheke der Discounter die globale Klimaerwärmung.

Berlin braucht viele neue Bäuerinnen und Bauern, die uns mit frischem Gemüse, Obst, Milch, Getreide, Hülsenfrüchten, Saaten und artgerecht erzeugtem Fleisch versorgen.

Und dafür braucht Berlin auch Brandenburg. Doch immer mehr kleine Landwirtschaftsbetriebe müssen aufgeben, sie sind besonders stark vom Höfesterben betroffen. Dabei hat nicht erst Corona gezeigt, wie wichtig ihre regionalen Produkte für unsere Versorgungssicherheit sind.

In der Nachwendezeit richtete sich die Landwirtschaft der Region ausschließlich am Weltmarkt aus. Leider wurden dadurch bestehende Verarbeitungsstrukturen zerstört. Zum Beispiel hatte eine Stadt wie Nauen im Havelland vor der Wende einen Schlachthof, eine Molkerei, eine Mühle und eine Seifenfabrik, die die Abfälle verwertet hat. Und heute? Nichts.

Regionale Verarbeitungsstandorte müssen so schnell wie möglich wieder neu aufgebaut werden. Nur so können wir die landwirtschaftlichen Rohwaren aus der Region verarbeiten, ob bio oder konventionell. Das ist notwendig, wenn wir Berlin mit regionalen Produkten beliefern wollen. Und selbstverständlich – das wird in Berlin gerne mal übersehen – brauchen auch die 2,5 Millionen Brandenburger*innen Essen aus der Region. Der Aufbau regionaler Wertschöpfungsketten hilft nicht nur den Landwirten, bessere Preise zu erzielen und einen sicheren Markt zu beliefern.

Wir brauchen Investitionen - sonst wird es in 20 Jahren kaum noch Landwirtschaften geben

Die Lebensmittelproduktion an Ort und Stelle belebt auch den ländlichen Raum und schafft Werte, anstatt sie mit dem Getreide-Laster aus der Region herausfahren. Natürlich kostet das zuerst einmal Geld. Aber wir sollten uns darüber im Klaren sein: Wir stehen an einem Wendepunkt. Und es gibt keinen Zweifel, dass wir diese Investition in unsere Zukunft dringend benötigen. Ansonsten wird es in 20 Jahren kaum Bäuerinnen und Bauern mehr geben, die uns versorgen. Dann wird das Land in den Händen großer Konzerne liegen.

Deshalb sollten wir es uns jetzt zur Aufgabe machen, die regionale Landwirtschaft zu stärken. Packen Sie selbst mit an, unterstützen Sie zum Beispiel die Vernetzung von Produzent*innen und Verbraucher*innen in Projekten wie der Solidarischen Landwirtschaften (SoLaWi) oder der Marktschwärmerei. Lassen Sie sich von Gemüsekisten beliefern oder kaufen Sie Ihre Milch von einer regionalen Molkerei.

[Der Autor Jochen Fritz ist Diplomagraringenieur und Vorstand der Regionalwert AG Berlin-Brandenburg. Sie unterstützt mit Bürgeraktien die Bio-Landwirtschaft in Brandenburg und Berlin. Im Nebenerwerb ist er Landwirt auf dem Biohof Werder, wo er Wasserbüffel, Weidehühner und Schafe hält.]

Je direkter der Kontakt zwischen den Erzeugern und Verbraucher*innen ist, desto besser. Die Brandenburger Landwirtschaft braucht aber noch mehr Unterstützung, um langfristig zu bestehen. Die leisten heute bereits Initiativen wie die Bio-Boden-Genossenschaft, die Kulturland e.G. oder auch die Regionalwert AG. Sie unterstützen kleine Betriebe, so dass die ihren Boden behalten, Wertschöpfungsketten aufbauen und ihre Höfe weiterentwickeln können. Zahlreiche neue Initiativen für mehr Bio-Landwirtschaft, Agroforstsysteme, regenerative Landwirtschaft und nachhaltige, artgerechte Tierhaltung machen Mut.

Die Arbeit der Bauern braucht Wertschätzung und Anerkennung

Aber auch die Politik muss handeln und endlich Gesetze erlassen gegen den Aufkauf von Flächen durch landwirtschaftsfremde Investoren und für die Sicherung fairer Bodenpreise.

Die tägliche harte Arbeit der Bauern braucht mehr Wertschätzung und Anerkennung. Denn nur gemeinsam mit ihnen schaffen wir die Ernährungswende in Berlin.

Seit Beginn der Coronakrise kochen die Berliner*innen wieder mehr selbst. Die Wertschätzung von Lebensmitteln ist gestiegen. Daran sollten sich in Zukunft auch mehr Berliner Kantinen orientieren und frisch kochen, mit Produkten aus dem Umland. Kantinen müssen ein Ort des Genusses und der Kommunikation sein, nicht nur der Kalorienaufnahme. Gutes Essen darf kein Luxusprodukt mehr sein.

Dass es sich jeder leisten kann, gesund zu essen, ist auch eine staatliche Aufgabe und kann nicht allein Konzernen wie Aldi oder Lidl überlassen werden. Das spart ganz nebenbei auch immense Gesundheitskosten, bremst den Klimawandel und das Höfesterben. Und dann macht Essen wieder Spaß.